Rückblick – Highlights aus unserem ersten Jahr

Projekte aus dem Ideation & Prototyping Lab

Projektart
Publikation
Datum
30.04.2019

“Willst Du erkennen, lerne zu handeln” (Heinz von Foerster)

Die Gründung des Ideation & Prototyping Lab erfolgte Anfang 2018 aus dem Eindruck heraus, dass der digitale Wandel von Städten zwar viel diskutiert, aber noch zu wenig praktisch gestaltet wird. Seitdem haben wir mit dem Lab das Ziel verfolgt, technische Umsetzungskompetenz aufzubauen, praxisnahe Unterstützung für öffentliche Institutionen anzubieten und eigene Digitalprojekte mit der Stadtgesellschaft zu realisieren. Aus dem kleinen Experiment ist inzwischen ein stattliches Civic Tech-Team mit neun Festangestellten und einem breiten Netz aus Freelancer*innen geworden. Anlässlich unseres Website-Relaunchs folgt ein Rückblick auf einige Highlights unserer bisherigen Arbeit – und ein Ausblick auf das, was wir als nächstes vorhaben.

Öffentliche Daten nutzen

Wichtiger Bestandteil unserer Arbeit war von Beginn an die Arbeit an und mit offenen Daten und Infrastrukturen. Technische Offenheit ist Voraussetzung für Transparenz und eine breite Teilhabe an der Digitalisierung, sie schafft aber auch die Bedingungen für agile Kooperation und die niedrigschwellige Entwicklung neuer Lösungen. Um das zu demonstrieren, hat unser Dev-Team um Lead Data Scientist Sebastian Meier und Interface Designer Fabian Dinklage im letzten Jahr verschiedene datengetriebene Web-Anwendungen und Prototypen entwickelt.

Ein erstes Beispiel, wie aus einer Datenbasis der öffentlichen Verwaltung mit vergleichsweise wenig Aufwand ein nutzerfreundliches Angebot werden kann, lieferte unsere interaktive Kita-Suche, die im Februar 2018 online ging und sich bis heute großer Beliebtheit erfreut. Mit einem Karten-Interface, diversen Filterfunktionen und einem Routing-Algorithmus bietet die Anwendung Unterstützung für Eltern bei der nicht immer leichten Suche nach einem Kitaplatz in Berlin.

Kita suchen leicht(er) gemacht
Kita suchen leicht(er) gemacht

Pünktlich zum Start der Badesaison ging dann im Juni unsere zweite größere Anwendung live: Im Rahmen des Forschungsprojekts “Flusshygiene” entstand gemeinsam mit dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo), den Berliner Wasserbetrieben (BWB) und dem Kompetenzzentrum Wasser (KWB) eine App zur Wasserqualität der öffentlichen Badestellen in Berlin. Neben einem zeitgemäßen Frontend wurde auch hinter den Kulissen einiges an Arbeit geleistet – eine neu aufgesetzte Datenpipeline sorgt dafür, dass die aktuellen Daten automatisiert vom LaGeSo in die Anwendung (und gleichzeitig ins Berliner Open Data-Portal eingespeist werden, zudem wurde ein wissenschaftliches Vorhersagemodell des KWB in die Anwendung integriert.

Mit mehr als 30.000 monatlichen Besuchern wurde die Anwendung über den Sommer zu unserem bislang erfolgreichsten Projekt, das sogar international Aufsehen erregte. Das gefiel offenbar auch dem Bundesministerium für Bildung und Forschung so gut, dass dem Projektkonsortium einen Aufstockungsantrag bewilligt wurde, um die Anwendung bundesweit auszurollen. Unser Neuzugang Fabian Morón Zirfas arbeitet gegenwärtig an einer kompletten Neuentwicklung des Backends, um den ursprünglichen Prototypen in die Fläche zu bringen.

Aktuelle Daten zur Badewasserqualität
Aktuelle Daten zur Badewasserqualität

Offene Verwaltungsdaten können aber nicht nur zur Grundlage neuer Bürgerservices werden, sondern bergen auch großes Potenzial für weiterführende Analysen, von denen nicht zuletzt die Verwaltung selbst profitiert. Beispielhaft zeigten wir das im Herbst mit einem Tool zur Analyse der öffentlichen Zuwendungen aus dem Berliner Landeshaushalt. Mehr als 73.000 Einzelförderungen aus den letzten zehn Jahren, die vom Land über eine offene Datenbank bereitgestellt werden, lassen sich hier nach unterschiedlichen Kriterien filtern und auswerten. Das sorgt nicht nur für mehr Transparenz bei der Vergabe öffentlicher Gelder, sondern kann auch einzelnen Bezirken und Hauptverwaltungen dabei helfen, bestehende Förderstrategien zu evaluieren und Trends oder Lücken zu identifizieren.

Öffentliche Zuwendungen analysiert
Öffentliche Zuwendungen analysiert

ODIS - Praxisnaher Open Data-Support für Behörden

Der Aufbau eines urbanen Open Data-Ökosystems und die Entwicklung entsprechender Anwendungen sind aber kein rein technisches Projekt. Ein Großteil unserer täglichen Arbeit besteht darin, gemeinsam mit öffentlichen Verwaltungen bestehende Strukturen und Prozesse neu zu denken und so zu gestalten, dass Grundlagen für digitale Innovation geschaffen werden. Unterstützt von der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe haben wir zu diesem Zweck die “Open Data Informationsstelle” (ODIS) ins Leben gerufen – ein digitales Service Team, das Behörden bei der Umsetzung von Open Data-Strategien unterstützt.

Open Data in the making
Open Data in the making

Seit Mai 2018 bietet ODIS den Berliner Verwaltungen Hands-on-Unterstützung beim Aufbau von Dateninfrastrukturen und der Bereitstellung von Daten über das offizielle Open Data-Portal des Landes. Unser Open Data-Team um Tori Dykes und Alexandra Kapp arbeitet sich seitdem mit unermüdlichem Engagement durch die Bezirks- und Hauptverwaltungen, organisiert Workshops und Netzwerkveranstaltungen, unterstützt, berät und informiert mit viel Geduld und Sachverstand. Neben der allgemeinen strategischen Arbeit setzt ODIS auch immer wieder thematische Schwerpunkte, etwa mit “Data Dives” zu Themen wie Radverkehr oder Barrierefreiheit und dazugehörigen Visualisierungsprojekten. Ein besonderer Fokus in diesem Jahr liegt auf der Verbesserung des Geodatenaustauschs zwischen Bezirks- und Hauptverwaltungen.

Offene Fahrraddaten visualisiert
Offene Fahrraddaten visualisiert

Digitalisierung praktisch werden lassen

Tüfteln, testen, sich von der Praxis leiten lassen: Wann immer es die Zeit erlaubte, haben wir die Gelegenheit genutzt, Neues auszuprobieren und dem “Protoyping” in unserem Namen gerecht zu werden. Angefangen bei Experimenten rund um LoRaWAN und dem Internet of Things, über die Entwicklung neuer Open Data-Tools und Interfaces, bis hin zu Programmier-Workshops zu Themen wie Spracherkennung oder Künstlicher Kreativität verging kaum eine Woche ohne ein neues Projekt auf unserem GitHub. A propos: Alle Quellcodes des Ideation & Prototyping Lab sind natürlich Open Source und wir freuen uns, wenn sie von anderen weitergedacht und entwickelt werden.

Ein paar weitere Highlights in aller Kürze:

Unser Beitrag „Mit den Augen der Maschine“ zur Debatte um Künstliche Intelligenz und Gesichtserkennung sorgte bei der Langen Nacht der Wissenschaften für lange Schlangen am Stand der Technologiestiftung.

Maschinelles Sehen verständlich gemacht
Maschinelles Sehen verständlich gemacht

Bei der Ausstellung „CityVis“ präsentierten wir herausragende internationale Beiträge zu urbanen Datenvisualisierungen sowie eine eigene Augmented Reality-App, die Berliner Daten auf einem physischen Stadtmodell visualisiert und die nun dauerhaft in den Räumen der Senatsverwaltung Umwelt, Verkehr und Klimaschutz am Köllnischen Park zu sehen ist.

Neue Layer auf alten Stadtmodellen
Neue Layer auf alten Stadtmodellen

Ebenfalls ein Dauerbrenner: Unser eigenes kleines Geodatenportal, auf dem wir ausgewählte offene Datensätze nutzerfreundlich aufbereitet zum Download anbieten.

Offene Daten für alle
Offene Daten für alle

Ach, und die Gerüchte um einen arduinogetriebenen Cocktailroboter, der letzten Sommer während des Tech Open Air Festivals auf unserer Dachterrasse gesichtet wurde, möchten wir an dieser Stelle weder bestätigen noch dementieren…

All das klingt zusammen nicht nur nach einer Menge Output, sondern war tatsächlich auch eine Menge Arbeit, für die ich mich an dieser Stelle bei einem hervorragenden Team bedanken kann. Es war und ist jeden Tag aufs Neue eine große Freude, mit solch begabten, kreativen, vielseitigen und neugierigen Menschen zusammenzuarbeiten. Ein großer Dank gebührt natürlich auch allen anderen Kolleg*innen der Technologiestiftung, ohne die unsere Projekte nicht möglich wären, unserem Vorstand, der das Experiment “Ideation & Prototyping” ermöglicht und unterstützt hat, sowie unseren Fördermittelgebern, insbesondere der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe.

Natürlich stecken wir längst Hals über Kopf in neuen Projekten, und eines sei an dieser Stelle gesondert hervorgehoben: Wir freuen uns, in diesem Sommer zusammen mit der Berliner Senatskanzlei und einem großen Kreis von Partnern das CityLAB Berlin zu eröffnen – ein Experimentierlabor für die Stadt der Zukunft. Das CityLAB wird Elemente aus Digitalwerkstatt, Co-Working und Veranstaltungs­raum zu einem offenen Ort vereinen, an dem Partizipation und Innovation zusammengedacht werden können. Zur Realisierung des Betriebs dürfen wir mit Nadine Riede (Events), Sara Reichert (Werkstattleitung) und Malgorzata Magdon (Administration) drei neue Kolleginnen im Team begrüßen. Wir freuen uns, dass dieses ambitionierte Projekt fast vier Jahre nach unserem ersten Entwurf nun Wirklichkeit wird und sind gespannt und voller Vorfreude, was uns dort erwartet. Auf zu neuen Abenteuern!