Offene Daten

Was bringt Open Data für Städte?

Victoria Dykes (@toridykes) | 19/04/2018

Vor einer Woche landete der Geschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds mit der Äußerung in den Schlagzeilen, deutsche Kommunen sollten ihre Daten verkaufen, statt sie „umsonst“ abzugeben. Die nachfolgenden Diskussionen machten deutlich, dass trotz der wachsenden Präsenz der Open-Data-Bewegung noch lange nicht jeder vom Mehrwert offener Daten überzeugt ist. Als Reaktion darauf stellt dieser Blogbeitrag einige Beispiele vor, wie Städte von der Öffnung ihrer Daten profitieren können.

Verwaltungen in aller Welt öffnen ihre Daten: Viele Städte und Kommunen besitzen inzwischen eigene Open Data-Portale, auf denen ausgewählte Daten mit der Öffentlichkeit geteilt werden. Die Beweggründe dafür sind nicht immer klar. Ist es einfach nur der Handlungsdruck, in Sachen Digitalisierung mit den Nachbarstädten mitzuhalten? Oder entstehen aus der Öffnung von Daten reale Mehrwerte für Verwaltungen und Bürger*innen?

Die Antwort lautet: Ja, Städte können von Open Data profitieren. Wenn sie das Thema ernst nehmen, kann eine Open Data-Strategie spürbare Verbesserungen für Städte und ihre Bürger*innen bewirken. Hier sind einige Beispiele, die das Potenzial von Open Data für Städte deutlich machen:

Um gesellschaftliche Probleme zu identifizieren und möglicherweise zu lösen


Offene Daten können ortsspezifische Probleme aufzeigen, die eine gezielte Intervention erfordern. Die Veröffentlichung von Daten über Auto- oder Fahrradunfälle kann etwa Bürger*innen oder Organisationen befähigen, gefährliche Kreuzungen zu identifizieren. Zwei Beispiele sind die CrashMap aus Großbritannien (eine Karte von Verkehrsunfällen basierend auf Verwaltungsdaten) und das Projekt Bikecolli aus Tucson, Arizona. Beide Seiten zeigen eindrucksvoll, welche Analysen und Visualisierungen aus Verwaltungsdaten möglich sind.

Die Veröffentlichung von unfallbezogenen Daten ist wichtig, weil schon das Wissen, dass ein Ort für Rad- oder Autofahrer besonders gefährlich ist, das Unfallrisiko senken kann: Eventuell fahren Menschen vorsichtiger an Kreuzungen, die für zahlreiche Unfälle bekannt sind. Unfalldaten könnten auch von Bürger*innen als Argument genutzt werden, um geeignete Sicherheitsmaßnahmen an bestimmten Orten einzufordern (Geschwindigkeitsbegrenzungen für Autos oder eine Umgestaltung von gefährlichen Kreuzungen). Für ähnliche Analysen gut geeignet sind auch Daten über Straftaten in der Stadt und Daten über von Bürger*innen gemeldeten Anliegen (letzteres wird im nächsten Abschnitt näher betrachtet). Theoretisch können Städte solche Analyse natürlich auch ohne die Einbeziehung von Bürger*innen durchführen. Praktisch aber steigt mit der Veröffentlichung der Daten die Wahrscheinlichkeit, dass auch tatsächlich Maßnahmen ergriffen und ein zufriedenstellendes Ergebnis erreicht wird.

Abb 1. CrashMap aus Großbritannien

Abb 1. CrashMap, eine Seite die Verkehrsunfälle in Großbritannien auf einer Karte plottet.

Um Bürgerengagement zu fördern und mehr Vertrauen aufzubauen


Die oben genannten Beispiele zeigen auch neue Möglichkeiten für Bürger*innen, sich vor Ort zu engagieren: Mit der Veröffentlichung detaillierter Daten zu einem spezifischen Kiez oder Stadtteil können neue Perspektiven auf die eigene Stadt entstehen. Dabei muss es auch nicht immer nur um problemorientierte Daten gehen, wie bei Unfällen oder Kriminalität. Es kann auch eine Karte sein, die zum Beispiel das Alter einzelner Gebäude visualisiert. Mit solcher Information können Bürger*innen ihre alltäglichen Umgebungen neu erfahren.

Die Kombination von Open Data und Anliegenmanagement, etwa durch den weit verbreiteten Open311-Standard, bietet Bürger*innen die Möglichkeit, Probleme an die Stadt zu melden und deren Bearbeitung nachzuvollziehen. Städte weltweit haben den Open311-Standard übernommen und bieten Portale an, wo nicht nur Mängel (etwa eine defekte Beleuchtung oder ein verschmutzter Park) an die Stadt übermittelt, sondern auch alle aktuelle Meldungen eingesehen werden können (meistens auf einer Karte geplottet). Oft gibt es auch die Möglichkeit, aktuelle und historische Meldungsdaten herunterzuladen. Beispiele von solchen Portalen sind NYC311, Mängelmelder Bonn, oder Züri wie neu. Mit der Veröffentlichung dieser Meldungen sowie ihres Bearbeitungsstands als Open Data können Bürger*innen sehen, wie effektiv die Stadt auf Anliegen reagiert und ob es besondere Orte gibt, wo die gleiche Probleme immer wieder passieren. Solche Transparenz schafft Vertrauen zwischen Bürger*innen und der Stadtverwaltung, da sich jederzeit nachvollziehen lässt, ob Anliegen angekommen sind und die Stadt aktiv daran arbeitet.

Abb 2. Das Züri wie neu Meldeportal für Bürgeranliegen

Abb 2. Das "Züri wie neu" Meldeportal für Bürgeranliegen.

Bürgerengagement muss nicht auf Beschwerden beschränkt bleiben. Es gibt auch Möglichkeiten, wie Bürger*innen selbst zur Generierung offener Daten beitragen können. Bei der Messung der Luftqualität in der Stadt etwa können Bürger*innen und Verwaltungen zusammenarbeiten: Die Webseite Luftdaten.info sammelt privat erhobene Messdaten über Schadstoffe in der Luft und macht diese Daten zentral verfügbar. Ein schönes Beispiel für die Verbindung von „Citizen Science“, Bürgerengagement und Stadtentwicklung.

Um die Wirtschaft zu stärken


Die Nutzung offener Daten durch die Privatwirtschaft hat darüber hinaus das Potenzial, das Wirtschaftswachstum vor Ort anzukurbeln. Städte profitieren hier nicht nur durch Steuereinnahmen und Arbeitsplätze, sondern auch durch die Entstehung neuer Anwendungen und Dienstleistungen, die sich positiv auf die Lebensqualität auswirken können. Die Nutzung offener Daten durch die Wirtschaft kann also durchaus eine Win-Win-Situation sein.

Erfahrungsgemäß erweisen sich offene Geo- und Mobilitätsdaten als besonders wertvoll, weil diese Daten häufig der Entwicklung innovativer Lösungen zur effizienteren und nachhaltigen Fortbewegung dienen. In Berlin nutzt etwa die Bike Citizens GmbH raumbezogene Daten, um Radfahrer*innen optimierte Routingvorschläge anzubieten. Bike Citizens koppelt diese Daten mit usergenerierten Daten, um Städten datengetriebene Einblicke anzubieten, wie der Radverkehr in der Stadt aktuell aussieht und wie die passende Infrastruktur zukünftig verbessert werden könnte. Bike Citizens ist eines von rund zwanzig Unternehmen, die in unserem Bericht "Open Data in der Praxis"vorgestellt werden. Der Bericht evaluiert, wie Unternehmen aus Berlin Open Data in ihr Geschäftsmodell integrieren. Ähnliche Studien werden auch vom Open Data Institute in London durchgeführt – ein Bericht von 2015 hat 270 verschiedene Firmen identifiziert, die Open Data nutzen, erzeugen oder in diesem Bereich investieren.

Abb 3. Von Bike Citizens GmbH gemessene Wartezeiten

Abb 3. Eine Analyse von Bike Citizens GmbH, die Wartezeiten an Kreuzungen in Wien darstellt. (Grafik von Bike Citizens).

Fazit


Natürlich ist Open Data kein Allheilmittel. Das Aufsetzen eines Open Data-Portals und die Veröffentlichung von ein paar Vorzeigedatensätzen können noch keine unmittelbaren Gewinne garantieren. Aber Städte, die sich ernsthaft und sorgfältig mit dem Thema beschäftigen, werden mittelfristig echte Vorteile realisieren: Verbesserte Infrastruktur, neue Services und höhere Lebensqualität sowie eine Stärkung lokaler Initiativen und Unternehmen. Deshalb ist es eines der Kernziele unseres Ideation and Prototyping Labs, das Open Data-Ökosystem in Berlin zu unterstützen und die Potenziale offener Verwaltungsdaten weiter zu erkunden. Unsere Zusammenarbeit mit dem Land Berlin im Bereich Open Data werden wir zukünftig weiter ausbauen – mehr Neuigkeiten dazu gibt es demnächst hier.

Victoria Dykes

Über den Autor

Victoria Dykes

Victoria Dykes ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Open Data bei der Technologiestiftung Berlin. Sie studierte Public Policy an der Hertie School of Governance in Berlin. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf der Frage, wie Open Data Städte verändern kann und wie auch Verwaltungen Technologie und Daten nutzen können, um Prozesse und Services zu verbessern.